sebastian moock promi talk 1 300x225 - Was für ein Abend, was für ein Auftakt, was für ein Gast!  sebastian moock promi talk 6 300x225 - Was für ein Abend, was für ein Auftakt, was für ein Gast!

Den Einstieg ins fünfte Jahr meiner Veranstaltungsreihe Nessis Promi-Talk hätte ich mir besser nicht wünschen können. Das restlos ausgebuchte Inklusions-Café anna leine am Hohen Ufer im Herzen der Hannoverschen Altstadt summte voller Gespräche. Alte Bekannte trafen sich nach der langen Coronapause wieder, durch die hervorragende Pressearbeit der Hannoverschen Werkstätten und unsere in der ganzen Stadt verteilten 1000 Flyer tauchten auch unbekannte Gesichter auf. Zwar ist der offizielle Einlass um 19:00, aber es ist schon Tradition, dass einige Gäste bereits um halb sieben eintrudeln und sich die kleinen Köstlichkeiten der Küchencrew rund um Service-Chef Otto Wedel schmecken lassen.

Punkt sieben begrüßte ich alle Anwesenden und übergab sehr gerne das Mikro an Elisabeth Gebler von Special Olympics. Sie erzählte von den world games in Berlin und beschenkte uns mit dem Motto der speziellen Olympischen Spiele für Menschen mit geistiger Einschränkung:

Let me win. But if I cannot win, let me be brave in the attempt.

Lass mich gewinnen. Wenn ich nicht gewinnen kann, lass es mich mutig versuchen.

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Mutig und vor allem voller Freude fingen Anja Herden und ich dann auch an zu „talken“.

Über ihren Weg zur Schauspielerei, über ihre Preise und Nominierungen, die sie zwar einerseits sehr freuten, andererseits aber auch nachdenklich machten. „Man hastet nur diesen Beurteilungen hinterher, man lässt sich alles gefallen von Regisseuren und unterwirft sich diesem Diktat der Betrachtung von betrachtenden Instanzen.“ Ob sie uns als Schauspiel-Laien erklären könne, wie wir einen guten von einem schlechten Schauspieler unterscheiden könnten?

Eine natürlich extra provokante und absurde Frage, aber wie oft sagt man das so hin: Die war toll, der kann gar nix. Oder? Also ich hab das schon gesagt und damit Wandelbarkeit gemeint.

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Der Abend war dank der sehr sympathischen Anja Herden ein voller Erfolg. Die nahbare Schauspielerin mit ihrem einnehmenden Wesen beantwortete bereitwillig Publikumsfragen und erzählte Lustiges, völlig Verrücktes und Ernstes aus ihrem Leben als Schauspielerin und als Schwarze. „Wir sollten alle toleranter sein.“ sagt sie. Sie übt sich in Toleranz, wenn Maskenbildner nur Theaterschminke für „normale“ Haut im Sortiment haben und wundert sich, wenn die neue Generation junger Schauspieler sich mit Namen und Personalpronomen vorstellt: „So etwas hatte ich noch nie gehört: Ich heiße … und meine Pronomen sind sie und ihre. Ich war völlig verwirrt. Wir sollten uns alle mehr entspannen.“

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Natürlich sprachen wir über so vieles mehr.

Statdtzeichner und Architekt Malte Wulf zeichnete wieder und beschenkte uns mit seinen fantastischen Sketches, zum ersten Mal auch in DIN A4 Formaten.

Wenn dir dieser kleine Ausschnitt zu wenig ist, komm doch einfach selbst vorbei, bring Freunde mit und meld dich gerne vorher per Email an nr@rhetorik-consulting.de an.

Man sieht es an den glänzenden Augen, wenn das Bild beim Käufer eingetroffen ist.

Der Umgang mit „abstrakter“ Kunst ist schwierig, nicht vorhanden, mir egal, äußerst wichtig – jeder entscheidet im Bruchteil einer Sekunde und auf Grundlage dessen, was einem vertraut ist. So wie bei dem Klassiker: Sie haben gerade ein rotes Auto gekauft und jetzt sehen Sie nur noch rote Autos.

Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck, sagt man. Quatsch. Das heißt ja soviel wie: Verlass dich auf dein Bauchgefühl/auf das, was du schon kennst, bleib dumm. So wird man nie schlauer. Zeit geben, in Ruhe betrachten, entdecken und erforschen. Je mehr man weiß, umso mehr sieht man. Die Kunst braucht den Betrachter und der Betrachter braucht die Kunst.

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“ sagte Alexander von Humboldt.

Zum Schauen laden Degenhard Andrulats Bilder in der Tat ein. Was wir dabei entdecken können, erläutert der Künstler so:

Andrulat: „Ich habe Freunde, die lieben Opern. Die hören alles, kennen alles. Sie können bei einer Aufnahme sofort sagen, wann sie aufgenommen wurde und mit welchen Interpreten. Die Unterhaltungen mit ihnen machen großen Spaß, weil sie mein Ohr schärfen.“

R.: „Aber ist auch ein bisschen anstrengend, oder? Wenn einer immer so ganz analytisch unterwegs ist?“

Andrulat: „Nein, ich finde das gut. Es geht mir in der Malerei genauso. Je mehr Erfahrungen ich im Umgang mit der Malerei einbringen kann, desto mehr und tiefer sehe ich.“

R.: „Ja, sprechen wir über Ihre Bilder. In Ihren Bildern ist eine Leichtigkeit..“

Andrulat: „Die Leichtigkeit muss ernsthaft erarbeitet sein, sonst gibt es sie nicht. Was wie nebenbei hingeworfen erscheint, ist nur durch höchste Konzentration möglich, wenn es Spannung halten soll. Wie lange ich für ein Bild brauche, hängt übrigens nicht vom Format ab. Das große Format mit 240 x 180 cm war in drei Wochen fertig, an dem dunkelblauen (180 x 160 cm) habe ich ein Jahr gearbeitet.“

Dieses große Dunkelblaue würde ich sofort kaufen, wenn ich es mir leisten könnte. Ein Bild zum Hineinfallen. Je länger ich darauf schaue, desto mehr möchte ich diesen Ausblick nicht mehr missen. Schutzlos liefere ich mich diesem Bild aus. Es zieht mich magisch zu sich: Weil es so schöne leuchtende Blautöne sind, die geheimnisvoll miteinander „reden“. Je näher ich komme, umso mehr Geschichten höre ich. Tatsächlich hören, denn es klingt fast wie ein Wispern, wenn ich den Linien und der Textur der Farben mit den Augen folge. Wäre es meins, würde ich zart mit dem Finger darüberstreichen, was unbedingt zur Folge haben würde, dass sich das Wispern verstärkte.

Hier in der Galerie in Anwesenheit des Künstlers darf ich das natürlich nicht.

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R.: „Was ist das Schlimmste, das man über eines Ihrer Bilder sagen kann?“

Andrulat:„‚Interessant‘. Das ist so ein Ausdruck, den man benutzt, um die eigene Sprachunfähigkeit zu kaschieren, manchmal auch das Desinteresse. ‚Spannend‘ ist auch so eine Chiffre, die sich eher auf den Betrachter als auf das Werk bezieht. ‚Dekorativ‘ ist dagegen eine nicht sehr schmeichelhafte Zuschreibung, die auf Eigenschaften des Werkes abzielt. Also, wenn jemand sagt, das sei ein dekoratives Bild, dann fehlen bestimmte Elemente, die dem ganzen Gefüge Spannung geben und aus dem Gefälligen und Erwartbaren herausheben.“

R.: „Würden diese Elemente nicht auch fehlen, wenn man das Wort „interessant“ verwendete?“

Andrulat: „Das ist noch etwas anderes. Weil, interessant ist so: Da kann ein Bild gut sein, ohne dass man da reinkommt und man fühlt sich vom Bild überfordert. Aber dekorativ ist wirklich ein schlimmes Urteil und trifft oft leider zu. Die Dekoration sublimiert nichts, sondern bestätigt sozusagen nur das zu Erwartende und wo ist das interessant?“

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Titel gehören zum Bild dazu, sagt der gebürtig aus Salzgitter stammende Farbenpoet und während sich Permanent seitensenkrecht bewegtes Blau wie eine Arbeitsanweisung liest, wundere ich mich wohlig über Permanentmalve-Signalrund, erdig; Blau, permanent böhmisch aufgestaut und Himmelweiß, auf-und abgezogen. Gibt es ein Himmelweiß? Wusste ich gar nicht…Signifant White, deepcoloured ist eine Wand/Rauminstallation, die gar Krawatten zum Hauptgegenstand macht. Neben den klangvollen und fast mystischen Titeln erfreue ich mich an der Schönheit der miteinander dialogisierenden Farben, und das ist auch so gewollt:

Wie arbeitet ein Maler eigentlich? Wie schafft man es, gleichzeitig auf Armeslänge und auf Betrachter-Entfernung zu arbeiten? Und welche gedankliche Vorbereitung steckt in jedem einzelnen Werk? Kaum eine Aussage trifft Degenhard Andrulats Malerei besser als „der einfache Ausdruck des komplexen Gedankens“. beschreibt René Zechlin.

Ich wünschte, wirtschaftliche Großunternehmen und Politiker würden ebenso genau ihre Handlungen vorbereiten und durchdenken wie dieser Künstler. Andrulats Antwort macht mir klar, welche Wagnisse er eingeht: „Wenn ich oben mit dem Pinsel ansetze, weiß ich nicht, wo ich unten ankomme. (…) Das Ende ist nicht gesichert. Das ist wichtig.“

Was bedeutet die Zeit im Zusammenhang mit Bildformat und Nähe-Distanz während des Arbeitens?

Ja gut, es ist doch nur eine Leinwand und Farben, könnten Sie vielleicht sagen. Aber das täuscht, denn die Wagnisse gelten für uns alle: Wir können ein Unterfangen immer nur vollen Herzens und mit guter Absicht beginnen ohne den Verlauf und das Ende vorher zu sagen. Wie weit geht Planung? Gerade während dieser Coronazeit merken wir, wie fragil die uns schützenden Konstrukte sind, wie abhängig wir von Einflüssen sind und wieviel Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten vonnöten sind.

Ich glaube, auch deshalb fühle ich mich im Raum mit Degenhards Werken so wohl – sie atmen – jedes in seinem eigenen Rhythmus – Zuversicht, Optimismus und Wagnis. Aber auch Erschöpfung und Scheitern sind sichtbar: Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man in einem Bild, wie eine der senkrechten Linien kurz vor ihrem Ende am unteren Bildrand einen Bauch hat. „Da stand ich auf der Leiter, um die Striche oben ansetzen zu können. Ich habe gedacht, ich schaffe es. Aber hab ich nicht.“ Lapidar, mit einem Lächeln und erfreut, diese Beobachtung an sich selbst gemacht zu haben. Er denkt, konkretisiert eine Idee, überlässt sich dem Prozess, ist konzentriert dabei und gleichzeitig innerlich distanziert genug, um anschließend sachlich zu beurteilen. Degenhard Andrulat ist Projektentwickler, Handwerker, Materialienspezialist, Künstler, Denker und Qualitätsmanager in Personalunion.

Was schätzt der Künstler an Hannover?

„Die unglaublich dichte und gute Kulturlandschaft von den Museen, Kunstvereinen über Oper, Konzerte bis hin zum Schauspiel. Die günstige Lage für die Reisen in andere Städte. Und ein kunstaufgeschlossenes Publikum, dem ich gerne meine Arbeiten vorstelle. Da bekomme ich viel Resonanz. Aber allein auf dieser regionalen Bekanntheit darf man sich nicht ausruhen, sonst hat man sich als Künstler selbst verarscht.“

Nicht jeder Begriff, den er verwendet, ist poetisch. Dafür in seiner ehrlichen Saftigkeit umso griffiger.

Gerne kauft er seine Farben bei boesner in Bornum, greift allerdings gerne auch auf Kremer Pigmente in Aichstetten zurück, die als die besten Pigmente der Welt gelten. Einen ausgestorbenen Farbton entdeckte er freudestrahlend im Keller seines Vermieters, einem ehemaligen Malereifachbetrieb.

 

Kunst am Bau gegenüber der Markthalle Hannover

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Trost und Handlungsfähigkeit aufrecht erhalten – das sind die Geschenke an uns Betrachter:

Wie sehr sich das Werk auf die es umgebenden Gebäude bezieht, selbst so banale wie Telefonzellen und Tankstellen, sehen wir und sehen Sie, wenn Sie dorthin gehen wollen, in die Leinstraße 8. Sie können es gar nicht verfehlen. Durch die bodentiefen Fenster des Foyers leuchtet es Ihnen schon entgegen.

„Das Bild bleibt – hier hingen immer Bilder – aber das Temporäre ist weg. Das hier bleibt.“