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„Kind, schling nicht so hastig. Und die Ellenbogen gehören auf den Tisch! Führ die Gabel zum Mund, nicht umgekehrt.“ Mit diesen Befehlen sind wir gross geworden. Das hat genervt und genützt. Denn wer schlingt, bewegt sich hastig – kein Zeichen von Macht, sondern von Unterwürfigkeit. Wer die Ellenbogen eng an den Oberkörper presst, nimmt wenig Raum ein – kein Zeichen von Macht, sondern von Unterwürfigkeit. Und wer den Kopf viel bewegt anstatt ihn ruhig zu halten, zeigt zumindest körpersprachlich auch mehr von einem Dienstboten als von einem König.

Je langsamer der Körper sich bewegt, umso mächtiger der Mensch. 

Je raumgreifender die Gesten, umso höher der soziale Status.

Das geht auch im Sitzen. Man streckt sich oder drapiert einen Arm auf die Lehne des Nachbarstuhls. Mächtige Menschen zeigen wenig Anzeichen von Stress – keine Beruhigungsgesten, kein Kratzen im Gesicht, kein Drehen am Ring – der Körper bleibt gelassen. Übrigens ein guter Merksatz für die nächste Schlagfertigkeitsattacke: Schnelles Zurückbeissen, auch verbal, hat was von einem beleidigten Terrier. Cool ist einfach cooler.

„Ich kann also an den Händen erkennen, wer im Saal die Macht hat und wer nicht?“ 

Ja. Zumindest, wer sich mächtig fühlt. Sind im Saal nur Vorstandschefs und Führungskräfte ein und derselben Firma, sieht man nach kurzer Zeit, wer die Hosen anhat und wer vielleicht nicht so dick auftragen sollte, wenn er seinen Job noch behalten will. Denn Dominanzsignale werden von allen Menschen wahrgenommen. Wie kommt das? Der Mensch ist und bleibt ein Neandertaler. Fast 2 Millionen Jahre stecken in unseren Genen. Die 1200 Jahre deutsche Sprache sind doch ein Witz dagegen, oder?

„Nessi, was ist das denn für ein Thema? Verlegenheitsgesten – wozu soll das denn gut sein? Hä??“

„Matthias, was denkst du?“

„Ich? äähh.. ich weiss nicht…“

Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir in Sekundenschnelle in Matthias Gesicht die schreckgeweiteten Augen und die hochgezogenen Augenbrauen – was natürlich muskulär EIN Vorgang ist, denn der Augenheber dient ja dazu, die Augen schnell und ruckhaft zu öffnen. Diesen Gesichtsausdruck kennen wir von der Überraschung und vom Schreck. Wobei sich nach den ersten Millisekunden erweisen muss, obs ein guter Schreck mit einer tollen Geburtstagsüberraschung ist oder ein schrecklicher Schreck mit Lebensgefahr. Häufig folgt nach Beurteilen der Situation bei Erleichterung der Griff ins Gesicht, an die Stirn oder das Streichen über den Kopf bis zum Nacken. Aber das ist nicht nur Erleichterung, sondern auch ein kleines bißchen Verlegenheit darüber, sich lächerlich gemacht zu haben. Die Situation war doch gar nicht so schlimm und man ist drauf reingefallen. Peinlich. Eine sehr berühmte Handhaltung ist die Beckerfaust. Sie zeigt auch Erleichterung – aber nicht nach einem Schreck, sondern nach einer grossen inneren Anspannung und einer hohen Konzentration. Die Beckerfaust ist das eindeutige Zeichen für Triumph, auch Triumph, sich selbst so gut unter Kontrolle gehalten zu haben. Die Hand, die das Gesicht berührt, deutet also auf Verlegenheit hin. Der Griff ans Ohrläppchen – bitte nicht INS Ohr – ist dafür typisch, das Streichen über den Kopf, das Befummeln der anderen Hand, das Drehen am Ring oder an der Armbanduhr.

Diese Selbstberührung dient der Selbstberuhigung, der Rückversicherung und der eigenen Erdung: „Bin ich noch da? Kann ich mich noch fühlen?“ Aber wie immer, wenn wir reden, redet auch der Körper nicht immer eindeutig. Die Hand vor dem Mund – die Denkerpose – oder das eben erwähnte Drehen am Ring kann auch bedeuten:

„Ich halte mich zurück und sage jetzt besser nicht, was ich denke.“

„Natürlich mache ich das Chef. Na klar.“

…das glaubt auch nur der! Der kann mich mal im Mondschein gern haben…
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Dieses Glück wird uns in Diskussionen eher selten zuteil. Trotzdem lohnt sich der Blick hinter die Fassade, um herauszufinden, worum es EIGENTLICH geht.
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